16.02.26
Historische Sammlungen bergen eine unsichtbare Gefahr, die viele Kultureinrichtungen betreffen: Arsenverbindungen in Büchern, Dokumenten und naturkundlichen Präparaten. Arsen diente jahrhundertelang als Konservierungsmittel und Pigmentbestandteil – eine Praxis, die bis weit ins 20. Jahrhundert fortgesetzt wurde.
Bibliotheken und Museen stehen vor der Herausforderung, ihre wertvollen historischen Bestände zu schützen, ohne dabei Personal und Besucher zu gefährden. Die fachgerechte Identifikation belasteter Objekte erfordert spezifisches Wissen über Analyseverfahren und Schutzmassnahmen. Arsenstaub kann sich über Jahre in Magazinen und Ausstellungsräumen ansammeln, ohne dass dies bemerkt wird.
Die Arsenproblematik zeigt deutlich, wie Bestandserhaltung und Gesundheitsschutz untrennbar miteinander verknüpft sind. Verantwortliche müssen sowohl die historische Bedeutung ihrer Sammlungen als auch die aktuellen Sicherheitsanforderungen berücksichtigen. Eine systematische Herangehensweise von der Risikoanalyse über geeignete Schutzmassnahmen bis zur fachgerechten Dekontamination bildet die Grundlage für den sicheren Umgang mit diesem toxischen Erbe.
«Schweinfurter Grün» – diese arsenhaltige Farbe, die im 19. Jahrhundert weit verbreitet war, findet sich noch heute in den historischen Buchbeständen zahlreicher Bibliotheken und Archive. Die Verwendung arsenhaltiger Pigmente wurde im späten 19. Jahrhundert zunehmend eingeschränkt, dennoch wurden vorhandene Pigmente teils noch lange weiterverwendet.
Die Arsenbelastung beschränkt sich nicht auf grüne Einbände. Gelbe bis orangefarbene Pigmente wie Auripigment sowie rötliche Töne wie Realgar enthalten ebenfalls erhebliche Arsenmengen. Ethnologische Museen setzten arsenhaltige Substanzen gezielt als Konservierungsmittel ein, um wertvolle Kulturgüter vor Insektenbefall und Schimmelbildung zu schützen.
Arsen kann sowohl akute als auch chronische Gesundheitsschäden verursachen. Kurzfristige Exposition führt zu Reizungen der Augen, Atemwege und Haut. Langfristige Belastungen können Herz-Kreislauf-Probleme, Atemwegserkrankungen und Krebserkrankungen zur Folge haben. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist der Beitrag zur Gesamtarsenbelastung durch den üblichen Umgang mit belasteten Büchern vermutlich gering.
Diese Erkenntnisse relativieren die Gefährdung, entbinden jedoch nicht von der Notwendigkeit angemessener Schutzmassnahmen. Die Kumulation kleinerer Expositionsdosen über längere Zeiträume erfordert besonders bei beruflich exponierten Personen eine sorgfältige Risikoabwägung.
Arsenverbindungen lassen sich mit blossem Auge nicht identifizieren, weshalb spezialisierte Analyseverfahren unverzichtbar sind. Die Röntgenfluoreszenzanalyse (RFA) hat sich als Standardmethode etabliert, da sie zerstörungsfrei arbeitet und direkt vor Ort einsetzbar ist. Das Verfahren bestrahlt Materialien mit Röntgenstrahlen und erzeugt charakteristische Spektren, die spezifische Elemente nachweisen.
Entscheidend ist aber: Ein Arsen-Nachweis am Objekt beantwortet noch nicht die Frage nach dem Risiko für Menschen. Die Bewertung des Expositionsrisikos erfordert zusätzliche Luft- und Staubanalysen.

Da historische Objekte nicht ersetzt werden können, konzentrieren sich wirksame Schutzkonzepte auf technische, organisatorische und persönliche Schutzmassnahmen.
Der erste Schritt ist organisatorisch: Verdachtsbereiche werden als Arbeitszone definiert, unnötiger Personenverkehr wird reduziert, belastete Materialien werden wenn möglich separiert. Das Ziel ist, dass Staub nicht im Gebäude «verteilt» wird. Für die Dekontamination ist zudem eine angemessene PSA zu wählen.
Dann folgt die eigentliche Entfernung loser Ablagerungen: HEPA-Absaugung (bzw. Staubklasse H/HEPA-konform) mit geeigneten Aufsätzen, damit Partikel nicht wieder in die Raumluft gelangen.
Für den dritten Schritt, die Feuchtreinigung nicht-poröser Oberflächen (z. B. Metallregale, beschichtete Tischflächen, lackierte Möbeloberflächen), ist auf «zu viel» Wasser zu verzichten. Bewährt ist stattdessen minimal-feuchtes Wischen in kleinen Abschnitten mit deionisiertem Wasser und einem milden, nichtionischen Tensid, damit Partikel besser benetzt und gebunden werden. Praktisch bedeutet das: Tücher nur leicht anfeuchten, häufig wechseln (Kreuzkontamination vermeiden), sichtbare Nässe vermeiden und am Schluss nochmals mit deionisiertem Wasser nachwischen.
Bei porösen, empfindlichen oder historisch beschichteten Oberflächen gilt Zurückhaltung: Dort ist HEPA-Absaugung und sehr punktuelles, kaum feuchtes Wischen (mit Vorversuch) meist der sicherere Weg.
Wichtig: Arsenhaltige Objekte gehören in gut schliessende Vitrinen, unter dichte Hauben oder sonstige geeignete Schutzbehältnisse. Sammlungsobjekte (Bücher, Einbände, Textilien, Präparate) werden nicht «wie Möbel» gereinigt. Nassbehandlungen an kontaminierten Textilien und Objekten sind invasiv, erzeugen belastete Waschwässer und gehören in die Hände von Restauratorinnen und Restauratoren mit geeigneter Infrastruktur.
In einigen Kontexten wird Natriumhypochlorit (Bleichlösung) als Desinfektions-/Dekontaminationsmittel für nicht-sammlungsrelevante Flächen diskutiert. Im Sammlungsumfeld ist der Einsatz jedoch kritisch zu prüfen: Flüssige Desinfektionsmittel können Materialien schädigen bzw. unerwünschte chemische Effekte verursachen. Zudem kann Hypochlorit Arsen zwar oxidieren, entfernt Arsen aber nicht. Damit die Arsen-Belastung tatsächlich sinkt, muss die Kontamination anschliessend mechanisch entfernt werden.
Einordnung in der Schweiz: https://www.chemsuisse.ch/files/78/DE-Diverse-Merkblaetter/974/Merkblatt-D14.pdf
Praktische Handlungsanweisungen und technischer Standard für Bibliotheken: https://www.bibliotheksverband.de/sites/default/files/2024-11/Arsen-Handreichung%20des%20dbv_2.aktualisierte%20und%20erweiterte%20Fassung%20vom%2007.11.2024.pdf
Wissenschaftliche Basis für die Risikobewertung und Entwarnung im Bibliotheksalltag: https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/bd-2024-0041/html?lang=en
Fachwissen für den Bereich Museen, Konservierung und Restaurierung.: https://www.museumsbund.de/wp-content/uploads/2018/04/tagung-schadstoffe-beitraege-gesamt-16042018.pdf
Medizinische/Toxikologische Faktenprüfung der beschriebenen Krankheitssymptome: https://toxikologie.de/wp-content/uploads/2024/04/2024-Arsenbelastete_historische_Buecher_HP.pdf
BAG Factsheet Arsen: https://www.bag.admin.ch/dam/de/sd-web/lyUeGIyGCnyq/factsheet-arsen.pdf