10.02.26
Hygiene im Spital entscheidet sich nicht nur auf dem Papier, sondern im Zusammenspiel von Planung, Technik und Betrieb. Wo diese Perspektiven nicht früh zusammenfinden, entstehen Lösungen, die zwar normgerecht sind, im Alltag aber unnötig komplex oder schwer stabil zu betreiben.
Im Interview sprechen wir mit Roman Schläpfer, Spezialist für Gesundheitsbau, Reinraumtechnik und komplexe Bauprojekte. Der Gebäudetechniker mit Weiterbildungen in KMU-Management und Betriebswirtschaft ist seit 2008 in der Generalplanung von Reinräumen und Laboratorien tätig. Als Präsident der SwissCCS sowie Mitglied im VDI-Fachausschuss Reinraumtechnik und der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene wirkt er an Standards und Richtlinien mit. Er begleitet Bauherren von der Strategie bis zur Umsetzung – mit Fokus auf Qualität, Nachhaltigkeit und belastbare Hygienelösungen.
Wenn Sie Ihre Arbeit in einem Satz erklären müssten, wie würde der lauten?
Ich verbinde technische, hygienische und organisatorische Perspektiven, um bei komplexen Bau- und Betriebsfragen im Gesundheitswesen umsetzbare, fachlich fundierte Lösungen zu entwickeln, wobei die strukturierte Kommunikation zwischen Planung, Betrieb, Behörden und Nutzern entscheidend ist, damit alle Beteiligten auf ein klar definiertes gemeinsames Ziel hinarbeiten.
Wenn Sie heute auf Bau- und Betriebsprojekte im Gesundheitswesen schauen: In welchen Bereichen sehen Sie aktuell den grössten Diskussionsbedarf?
Der grösste Diskussionsbedarf liegt aktuell in der fehlenden strukturellen Standardisierung im Gesundheitsbau in der Schweiz. Obwohl über 250 Spitäler existieren, wird praktisch jedes Projekt wieder bei Grundsatzfragen gestartet. Das betrifft beispielsweise Flächenkonzepte von Patientenzimmern, funktionale Zonierungen, technische Mindestanforderungen, hygienerelevante Ausstattungen sowie betriebliche Abläufe. Aus planerischer Sicht wird Individualität häufig mit Qualität gleichgesetzt. In der Realität führt dieser Ansatz oft zu verlängerten Planungsphasen, wiederkehrenden Grundsatzdiskussionen, erhöhten Kosten und unnötiger Komplexität im Betrieb. Gleichzeitig ist klar, dass Spitäler aufgrund medizinischer Schwerpunkte, regionaler Versorgungsaufträge und bestehender Infrastrukturen nie vollständig identisch sein können. Der Handlungsbedarf liegt darin, definierte Grundstandards für wiederkehrende Funktionen zu etablieren. Dazu gehören beispielsweise modulare Raumkonzepte, standardisierte hygienische Mindestanforderungen, definierte Schnittstellen zwischen Bau, Technik und Betrieb sowie klare bauherrenseitige Anforderungen. Individualität sollte gezielt dort stattfinden, wo sie medizinisch oder betrieblich einen echten Mehrwert bringt. Ohne diesen Schritt wird weiterhin in jedem Projekt Wissen neu aufgebaut, anstatt systematisch weiterentwickelt zu werden. Langfristig bremst das Innovation, erschwert Vergleichbarkeit und verhindert Effizienzgewinne im gesamten Gesundheitswesen.
Gibt es Themen, bei denen Sie merken, dass Planung, Betrieb und Hygiene besonders oft aneinander vorbeireden?
Ja. Besonders häufig zeigt sich das bei Themen, bei denen technische Funktion, hygienische Sicherheit und betriebliche Alltagstauglichkeit gleichzeitig erfüllt werden müssen. Klassische Beispiele sind Lüftungskonzepte, Wasserinstallationen, Materialisierung von Oberflächen, Raumdruckkonzepte oder auch Reinigbarkeit von Bauteilen und Einrichtungen. Planung denkt oft in Normen, technischen Kennwerten und Nachweisen. Betrieb denkt in Prozessen, Personalressourcen und Alltagstauglichkeit. Hygiene denkt in Risikopotenzialen, Übertragungswegen und Patientensicherheit. Wenn diese Perspektiven nicht früh zusammengeführt werden, entstehen Lösungen, die technisch korrekt sind, im Betrieb aber schwer handhabbar oder aus hygienischer Sicht unnötig komplex. Ein typisches Beispiel sind hochkomplexe technische Anlagen, die theoretisch optimale hygienische Bedingungen schaffen sollen, im Betrieb aber fehleranfällig sind oder nicht konsequent so betrieben werden können, wie sie geplant wurden. In solchen Fällen entsteht eine Scheinsicherheit, weil die Anlage auf dem Papier funktioniert, im Alltag aber nicht stabil betrieben wird. Ein weiteres Feld ist die Definition von Anforderungen in frühen Projektphasen. Wenn bauherrenseitige Anforderungen nicht klar, messbar und gemeinsam abgestimmt formuliert sind, interpretiert jede Disziplin diese anders. Das führt später zu Zielkonflikten, Nachträgen und betrieblichen Kompromissen. Der Kern des Problems liegt selten im fehlenden Fachwissen, sondern in unterschiedlichen Denklogiken. Planung optimiert Systeme, Betrieb optimiert Abläufe, Hygiene optimiert Risikominimierung. Erfolgreiche Projekte schaffen es, diese drei Ebenen früh strukturiert zusammenzuführen und Zielkonflikte offen zu bearbeiten, bevor sie gebaut werden.
Wo entstehen die meisten Hygiene-Risiken: in der Planung, im Bau oder im Betrieb und warum?
Die meisten realen Hygiene-Risiken entstehen im Betrieb, insbesondere im direkten Zusammenspiel zwischen Personal, Patient und Infrastruktur. Technik kann Risiken reduzieren, aber Hygiene entscheidet sich im Alltag durch Verhalten, Arbeitsabläufe und Nutzungsrealität.
Wo erleben Sie in Projekten die grössten Reibungen zwischen „normgerecht“ und „praktikabel“?
Die grössten Reibungen entstehen dort, wo Normen theoretisch maximale Sicherheit abbilden, der Betrieb aber dauerhaft stabile und handhabbare Lösungen braucht. Besonders sichtbar wird das bei technischen Anlagen, bei Reinigbarkeit von Bauteilen und bei funktionalen Abläufen im Alltag. Normen bilden oft einen idealen Zustand ab. In der Praxis treffen diese Anforderungen auf bestehende Gebäude, begrenzte Platzverhältnisse, Budgetvorgaben und Personalressourcen. Dadurch entstehen Lösungen, die normgerecht sind, aber im Alltag schwer umsetzbar oder fehleranfällig werden.

Roman Schläpfer
Ausbildung: Gebäudetechnik; Weiterbildungen in KMU-Management (HSG) und Betriebswirtschaft
Derzeit: Geschäftsleitung/Verwaltungsrat & Projektleitung bei der ewah AG; Präsident SwissCCS
Expertennetzwerk: hygieneforum.ch/hygiene-experten/
Sie kritisieren die unbedachte Stoffbeigabe in Lüftungen im Gesundheitswesen. Welches konkrete Problem sollen Stoffbeigaben in Lüftungssystemen eigentlich lösen?
Stoffbeigaben sollen primär mikrobiologische Belastungen in Luftsystemen reduzieren, Gerüche neutralisieren oder subjektiv das Gefühl von Sicherheit und Sauberkeit erhöhen. Teilweise wird auch argumentiert, dass dadurch Oberflächen oder Raumluft zusätzlich desinfiziert werden. Das Grundproblem, das adressiert werden soll, ist meist nicht die Lüftung selbst, sondern Unsicherheit im Umgang mit Infektionsrisiken, insbesondere bei luftübertragbaren Erregern.
Wo sehen Sie die grössten Risiken solcher Verfahren, insbesondere im Hinblick auf Nebenwirkungen, Langzeitfolgen und Verantwortlichkeit im Schadensfall?
Die grössten Risiken liegen in drei Bereichen.
Erstens Nebenwirkungen. Stoffe können mit Materialien, Oberflächen, medizinischen Produkten oder anderen chemischen Stoffen reagieren. Auch gesundheitliche Effekte auf Patienten und Personal sind oft nicht ausreichend langfristig untersucht.
Zweitens Langzeitfolgen. Viele Verfahren werden auf Basis von Kurzzeitstudien oder Laborbedingungen bewertet. Reale Effekte bei Dauerbetrieb über Jahre sind oft unklar, insbesondere bei niedrigen Dauerexpositionen.
Drittens Verantwortlichkeit. Wenn ein Schadenfall eintritt, ist oft unklar, ob Planung, Betreiber, Hersteller oder Anwender verantwortlich sind. Sobald zusätzliche Stoffe aktiv eingebracht werden, verlässt man den Bereich klassischer Lüftungstechnik und bewegt sich in Richtung medizinisch-hygienischer Intervention.
Das ganze Thema steht im Zusammenhang mit Healing Architecture. Sind Sie kein Freund von Entwicklungen in dieser Hinsicht?
Healing Architecture ist grundsätzlich sinnvoll, solange sie sich auf nachweisbare Effekte konzentriert. Dazu gehören Tageslicht, Orientierung, Akustik, Stressreduktion, Materialqualität oder Aufenthaltsqualität für Patienten und Personal. Kritisch wird es dort, wo Massnahmen ohne klare Evidenz mit Gesundheitswirkung begründet werden. Architektur kann Heilung unterstützen, aber nicht medizinische oder hygienische Grundprinzipien ersetzen. Das Risiko entsteht, wenn gestalterische oder marketinggetriebene Ansätze als gleichwertig zu technischen oder hygienischen Schutzmassnahmen dargestellt werden.
Was ist bei der Wahl des richtigen Lüftungssystems besonders wichtig? Insbesondere in sensiblen Bereichen wie einem OP-Saal oder einem Isolationszimmer?
Entscheidend sind Risikoanalyse, Nutzungsprofil und Betriebsstabilität. In hochsensiblen Bereichen steht nicht maximale technische Komplexität im Vordergrund, sondern stabile, nachvollziehbare und wartbare Systeme. Luftführung, Druckkonzepte, Filterstufen, Redundanzen und Überwachbarkeit müssen zum realen Betrieb passen. Im OP sind kontrollierte Luftströmung, Partikelkontrolle, stabile Druckverhältnisse und Ausfallsicherheit zentral. In Isolationszimmern sind klare Druckkonzepte, sichere Luftführung, definierte Schleusenfunktionen und einfache Überwachbarkeit entscheidend. Das wichtigste Prinzip ist Robustheit. Ein System muss unter realen Betriebsbedingungen dauerhaft funktionieren, nicht nur unter Idealbedingungen auf dem Papier.
Wenn Sie einem Spital/Facility Manager drei Sofortmassnahmen empfehlen dürften, um Hygienefallen zu vermeiden: welche wären das?
1. Klare Verantwortlichkeiten und Prozesse für hygienerelevante Anlagen definieren
Für Wasser, Lüftung und kritische Infrastrukturen müssen Zuständigkeiten, Prüfintervalle, Eskalationswege und Entscheidkompetenzen eindeutig geregelt sein. Viele Risiken entstehen nicht durch Technik, sondern durch Unklarheit, wer wann reagieren muss.
2. Betrieb stärker gewichten als Planung
Regelmässige Systemreviews, strukturierte Audits, realistische Wartungsstrategien und Schulung des Betriebspersonals sind zentral. Anlagen müssen so betrieben werden, wie sie geplant wurden. Abweichungen, Provisorien und schleichende Systemänderungen sind häufige Ursachen für Hygienerisiken.
3. Frühzeitige interdisziplinäre Abstimmung bei Änderungen im Bestand
Jede bauliche, technische oder organisatorische Änderung sollte aus Betriebs-, Technik- und Hygienesicht gemeinsam bewertet werden. Viele Probleme entstehen durch Einzelentscheidungen ohne Gesamtbetrachtung des Systems.