04.11.26

Autonome Reinigung im Praxistest: Ein Roboter übernimmt das Foyer des Zürcher Portikon

Im Portikon, einem Minergie-P-Bürogebäude am Stadtrand von Zürich, reinigt seit 2025 ein autonomer Scheuersaugroboter täglich das Foyer. Kein Showprojekt, sondern ein konsequent durchgezogener Realbetrieb: SPIE und die Enzler Reinigungen AG zeigen, wie Robotik in einem stark frequentierten Gebäude wirtschaftlich, technisch und organisatorisch funktionieren kann. Der Erfahrungsbericht liefert der Branche, was ihr bislang weitgehend fehlt: belastbare Zahlen und ehrliche Learnings aus dem Alltag.

Pudu Portikon

Robotik in der Gebäudereinigung ist in aller Munde. Funktionierende, transparente Praxisberichte sind hingegen nach wie vor Mangelware. Umso bemerkenswerter ist das Projekt im Portikon: Hier wurde nicht mit Hochglanzbroschüren gearbeitet, sondern mit einer klaren Zielsetzung, einem sauber aufgesetzten Proof of Concept und der Bereitschaft, auch über Stolpersteine offen zu berichten.

Ein repräsentatives, aber anspruchsvolles Objekt

Das Portikon umfasst über 20’000 m² Bürofläche und gilt als hocheffizientes Minergie-P-Gebäude. Der moderne Hofrandtypus mit überdachtem, lichtdurchflutetem Innenhof, vollverglasten Fassaden im Erdgeschoss und Gneissboden im öffentlich zugänglichen Foyer macht das Objekt repräsentativ, in der Unterhaltsreinigung jedoch herausfordernd.

SPIE verantwortet im Portikon das technische, infrastrukturelle und kaufmännische Gebäudemanagement. Die Reinigung der Allgemeinflächen sowie der Büroflächen des Hauptmieters liegt bei Enzler. Als Einsatzgebiet für den Roboter wurde bewusst der anspruchsvollste Bereich gewählt: die zentrale Lobby mit zwei Empfangsbereichen, angrenzenden Sitzungszimmern und Restaurantflächen, ein hochfrequentierter Bereich mit täglich Hunderten von Besuchenden und internationalem Publikumsverkehr.

Ein Modell, ein Learning, viele Einsatzorte

Bemerkenswert ist die strategische Klarheit, mit der die Modellwahl erfolgte. Gesucht wurde nicht Technik um der Technik willen, sondern ein Roboter mit echtem Mehrwert und Skalierungspotenzial. Enzler verfolgt dabei den Grundsatz «Ein Modell, ein Learning, viele Einsatzorte» und setzt unternehmensweit möglichst auf ein einziges Robotermodell. Aus früheren Tests, begleitet durch den Robotik-Partner Alessandro Tavernaro von der Tavernaro AG (cleanshop.ch), kristallisierte sich der PUDU CC1 als Go-to-Gerät heraus.

Zwei Eigenschaften gaben den Ausschlag. Erstens der hohe Automatisierungsgrad: Wasserwechsel und Akkuladung erfolgen vollautomatisch über die Dockingstation, womit der Roboter unbeaufsichtigt, etwa über Nacht, eingesetzt werden kann. Zweitens die kompakte Bauweise: Mit einer Grundfläche von 63 × 63 cm navigiert der CC1 auch in stärker überstellten Bereichen, an denen grössere Maschinen scheitern. Dass die Arbeitsbreite von 400 mm vergleichsweise gering ausfällt, spielt eine untergeordnete Rolle. Da während der Reinigung keine Arbeitskraft gebunden ist, darf sich der Roboter schlicht etwas mehr Zeit lassen.

Der PUDU CC1 im Überblick
MerkmalWert
Wassertanks15-Liter-Frisch- und Schmutzwassertank
Arbeitsbreite400 mm
Fahrgeschwindigkeitmax. 1.2 m/s
Flächenleistungtheoretisch max. 700 m²/h
Akkulaufzeitmax. 9 h (leiser Modus)
Ladezeit4 h
Masse / Gewicht63 × 63 × 67 cm / ca. 75 kg
ReinigungsartenKehren, Saugen, Wischen
UVP inkl. Dockingstation (Projektzeitpunkt)ca. CHF 24’000

Break-even nach anderthalb Jahren

Das Einsatzgebiet umfasst rund 1’200 m²: Foyer, beide Empfangsbereiche sowie die Kaffeelounge. Der Restaurantbereich fiel aufgrund der Möblierung weg. Gemäss Leistungsverzeichnis wird die Fläche traditionell täglich maschinell gereinigt, intern kalkuliert mit rund CHF 24’000 pro Jahr, entsprechend etwa zehn Stunden pro Woche.

Die detaillierte Berechnung, welche auch die effektive Reinigungszeit des Roboters berücksichtigte, ergab einen Break-even nach rund 1.5 Jahren, und dies bei gleichzeitiger Qualitätserhöhung. Ein Wert, der aufhorchen lässt und zeigt, dass sich Robotik im richtigen Objekt nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich rechnet.

Datenschutz: aktiv kommuniziert statt weggeschwiegen

Mit der Ankündigung des Robotereinsatzes stellte sich berechtigterweise die Frage nach dem Datenschutz. Der PUDU navigiert mit einer Kombination aus LiDAR, Ultraschall und RGB-D-Kameras. LiDAR erstellt mittels Laserimpulsen eine präzise Punktwolke der Umgebung, wobei Glasflächen und sehr dunkle Oberflächen problematisch sein können. Ultraschallsensoren ergänzen die Erfassung über Schallwellen. Die RGB-D-Kameras sind aus Datenschutzgründen auf den Boden gerichtet und erfassen lediglich Objekte bis zu einer Höhe von rund 30 cm.

Entscheidend ist jedoch die Datenverarbeitung: Während des Reinigungsbetriebs arbeitet der Roboter offline. Sensordaten werden ausschliesslich lokal verarbeitet und nicht in die Cloud übertragen. Kartendaten können optional übermittelt werden, bleiben standardmässig aber ebenfalls lokal.

Vorbildlich war der Umgang mit der Kommunikation: Ein eigens entwickelter Datenschutz-Aufkleber mit klaren Icons, einer kurzen englischen Erklärung und einem QR-Code zum Factsheet schafft Transparenz direkt am Gerät. Zusätzlich informierte SPIE die Hauptmieter per E-Mail über Einsatz und Datenschutzregelung. Ein Vorgehen, das Schule machen dürfte, denn Akzeptanz entsteht nicht durch Technik, sondern durch Vertrauen.

Der Testtag: Mapping, Glaswände und pragmatische Lösungen

Ziel des Testtages war ein sauberer Proof of Concept: fehlerfreie Navigation im Foyer, korrektes Erkennen und Ausweichen von Besuchenden sowie eine Reinigungsqualität gemäss Anforderungen.

Das Mapping begann mit dem Anbringen eines Deckenmarkers zur Positionsinitialisierung, wofür kurzfristig eine Hebebühne organisiert wurde. Anschliessend wurde der Roboter manuell durch das Einsatzgebiet geführt, um die Karte zu erstellen. Die optimale Fahrstrecke berechnet das System danach selbstständig.

Glasflächen stellten erwartungsgemäss eine Herausforderung dar. Problematische Bereiche wurden analysiert und teilweise manuell in der Karte ergänzt. Wo die Sensoren Glas nicht zuverlässig erfassten, wurde während der Kartierung kurzerhand eine Person strategisch positioniert. Pragmatisch, aber effektiv. Nach rund anderthalb Stunden war der Testdurchgang abgeschlossen: Die Randbereiche waren sauber gereinigt, die Navigation lief zuverlässig.

Go-live: Wenn sich das Gebäude verändert

Der Go-live-Tag lieferte gleich die nächste Lektion: Gebäude sind dynamische Systeme. Im Eingangsbereich waren neue taktile Leitstreifen installiert worden. Für Menschen mit Beeinträchtigungen essenziell, für den Roboter beim Überqueren jedoch eine akustische Herausforderung, und die Lautstärke ist im Foyer des Portikon ein sensibles Thema.

Das Projektteam reagierte flexibel: Die ursprüngliche Fahrroute hätte die Leitstreifen pro Durchgang mehrfach gequert. Durch die Aufteilung des Foyers in zwei Reinigungszonen werden sie nun nur noch minimal überfahren. Auch die Geräuschentwicklung der Sauglippe in Kurven wurde zügig gelöst, zunächst über eine temporäre Anpassung der Wassermenge, tags darauf nachhaltig mit einer optimierten Sauglippe, die Tavernaro persönlich vorbeibrachte. Die enge Begleitung durch den Robotik-Partner von der Testphase bis zum Go-live erwies sich als Erfolgsfaktor: Offene Fragen konnten direkt geklärt und Optimierungen unmittelbar umgesetzt werden.

Heute ist der PUDU fester Bestandteil des Betriebs: Er startet täglich um 06:00 Uhr, sodass Mitarbeitende ein frisch gereinigtes Foyer betreten, und reinigt die Hauptverkehrsachse um 15:00 Uhr automatisch ein weiteres Mal, wofür er rund 30 Minuten benötigt. Die Reaktionen im Gebäude waren durchwegs positiv. Mitarbeitende beobachteten den Roboter neugierig, Besuchende reagierten interessiert. Die Integration in den Alltag erfolgte erstaunlich selbstverständlich.

Fazit: Implementierung heisst Anpassung

Das Projekt im Portikon belegt, dass autonome Reinigung im Realbetrieb technisch möglich und wirtschaftlich sinnvoll sein kann. Ebenso deutlich wurde: Erfolgreiche Implementierung bedeutet Anpassung. Die wichtigsten Erkenntnisse des Projektteams:

  • Autonome Reinigung funktioniert, erfordert aber objektspezifische Feinjustierung.
  • Gebäude sind dynamische Systeme; auf Veränderungen muss flexibel reagiert werden.
  • Datenschutz muss aktiv und transparent kommuniziert werden.
  • Die Mitarbeitenden sind entscheidend für den Erfolg der Integration.

Besonders erfreulich: Das Reinigungsteam hat den Roboter nicht nur akzeptiert, sondern sich das Gerät regelrecht zu eigen gemacht. Bei Bedarf wird der PUDU auch manuell als Scheuersaugmaschine genutzt. Genau diese Selbstverständlichkeit im Umgang dürfte am Ende der beste Indikator dafür sein, dass Robotik in der Reinigung angekommen ist. Mit dem Projekt im Portikon haben SPIE und Enzler der Branche jedenfalls ein Anschauungsbeispiel geliefert, wie der Weg dorthin aussehen kann: methodisch, transparent und mit einem gesunden Sinn für Pragmatismus.

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