05.06.26

Interview mit Pericin Häfliger: Reinigung als Managementthema – zwischen Wirkung, Lehre und Benchmark

Saubere Räume sind kein Zufall, sondern das Ergebnis professionellen Managements. Wer Reinigung strategisch denkt und mit Benchmarking verbindet, schafft Grundlagen für Qualität, Wirtschaftlichkeit und organisationale Weiterentwicklung im Gesundheitswesen.

Irina Pericin Häfliger

Im Interview sprechen wir mit Pericin Häfliger, Dozentin und Beraterin für Reinigungs- und Textilservicemanagement. Die ausgebildete hauswirtschaftliche Betriebsleiterin mit einem Master of Science in Organisationsentwicklung verbindet operative Praxiserfahrung aus der Hotellerie und dem Sozialwesen mit angewandter Forschung und Lehre an einer Fachhochschule. Als Autorin eines Fachbuchs zum Reinigungsmanagement und wissenschaftliche Leiterin des Reinigungsbenchmarks im Schweizer Gesundheitswesen engagiert sie sich für die fachliche Professionalisierung und Vernetzung von Führungsverantwortlichen in einem oft unterschätzten Bereich.

Von der Hotellerie in die Hochschule: Neugier als Antrieb

Was treibt Sie an, Frau Pericin Häfliger?

Mich treiben Neugier, Gestaltungslust und der Wunsch an, für den Alltag tragfähige Lösungen zu entwickeln. Zudem liebe ich den Austausch mit Menschen. In Lehre, Forschung und Beratung geht es mir deshalb nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern in erster Linie darum, Menschen zu befähigen, selbst wirksam zu gestalten.

Dass ich mich dabei auf das Management professioneller Reinigungs- und Textilservices spezialisiert habe, ist kein Zufall. Es geht um etwas, das im Alltag selbstverständlich erscheint und doch von zentraler Bedeutung ist: saubere und gepflegte Räume und gesunde Menschen. Ich bin tief davon überzeugt, dass der bauliche und soziale Kontext sich auf unser Befinden und Verhalten auswirkt und gepflegte Umgebungen eine wichtige Grundlage für Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit bilden. Mich motiviert, diese Leistungen fachlich weiter zu entwickelt und zugleich Menschen zu stärken und vernetzen, die in diesem Umfeld Verantwortung tragen.

Vom Hotel zur Hochschule: Welche Stationen waren Schlüsselmomente und warum?

Schon als Gymnasiastin war es mein Wunsch, im Hotelbereich zu arbeiten. Nach dem Studium konnte ich diesen Wunsch als hauswirtschaftliche Betriebsleiterin in St. Moritz verwirklichen. Diese Zeit hat mir gezeigt, wie anspruchsvoll und komplex das operative Reinigungs- und Textilservicemanagement in der Praxis ist und wie stark Qualität sowie wirtschaftlicher Erfolg von Führung, Prozessen und Haltung abhängen.

Ein weiterer wichtiger Schritt war meine Tätigkeit in der Stiftung Rodtegg für Menschen mit körperlicher Behinderung in Luzern. Dort konnte ich weitere wertvolle Führungserfahrungen sammeln, bevor ich als Assistentin an der Vorgängerinstitution der heutigen Hochschule am Aufbau der angewandten Forschung und Entwicklung für den neuen Fachhochschulstudiengang Facility Management mitwirken durfte.

An der Hochschule habe ich einen Ort gefunden, an dem ich fachliche Tiefe, Reflexion und Praxisbezug verbinden kann. Ein Schlüsselmoment war sicher der Entscheid, mich für die Rolle als Dozentin zu bewerben. Bei den ersten Unterrichtsvorbereitungen merkte ich schnell, dass meine Vorgängerinnen sehr gute Skripts verfasst hatten, es aber kaum spezifische Fachliteratur zum Reinigungsmanagement gab. Als ich das realisierte, war für mich klar, dass ich dann selbst ein Buch dazu schreiben würde. Dass dies ein längerer und anspruchsvoller Prozess werden würde, wurde mir erst beim Tun bewusst. Besonders wichtig ist mir das dabei entwickelte Modell für das Reinigungsmanagement, das sich am St. Galler Management-Modell orientiert. Sehr gefreut hat mich auch, dass ich dieses an einem Kongress des Internationalen Verbandes der Hauswirtschaft in Irland präsentieren durfte.

Später wurde ein internationaler Online-Kurs zum Lehren und Lernen an Hochschulen prägend für mein Engagement in der didaktischen Weiterentwicklung der Lehre.

Sowohl das Unterrichten als auch das Beraten faszinieren mich bis heute, weil ich mich dort kontinuierlich mit Theorie und Praxis auseinandersetzen und gemeinsam mit Studierenden und Kund:innen neue Perspektiven entwickeln kann.

Lehre und Weiterbildung: Kompetenz statt reine Wissensvermittlung

Welche Inhalte vermitteln Sie in Ihren Lehrveranstaltungen und was ist Ihnen besonders wichtig, den Studierenden mitzugeben?

In meinen Lehrveranstaltungen geht es mir grundsätzlich weniger um reine Wissensvermittlung, sondern um Sensibilisierung für das Thema und den Aufbau von Kompetenzen. Das betrifft unterschiedliche Themen im Facility Management, insbesondere das Reinigungsmanagement, Textilservice, FM in Healthcare, aber auch kollaboratives und soziales Lernen in Peergruppen.

Wenn ich den Fokus auf das Reinigungsmanagement lege, ist mir besonders wichtig, dass die Studierenden bereit werden, sich mit Reinigung als relevantem Managementthema auseinanderzusetzen. Viele bringen zu Beginn des Studiums wenig Bewusstsein und Interesse dafür mit, entdecken aber im Verlauf, wie komplex und wirkungsvoll dieses Feld ist: für Nutzende von Räumen, für Wirtschaftlichkeit, Ökologie, soziale Fragen und für die Menschen, die reinigen. Die Studierenden lernen, im Rahmen einer Fallstudie, ein Reinigungskonzept für ein konkretes Objekt zu entwickeln. Ergänzend entwickeln die Studierenden eigene kreative  Impulse für die Gebäudereinigung, in denen sie Reinigung mit persönlichen Interessen oder aktuellen Fragestellungen verbinden. Dabei erleben viele, dass dieses Thema nicht nur funktional und kostenrelevant ist, sondern auch vielseitig, gestaltungsorientiert und freudvoll bearbeitet werden kann. Einen weiteren Schwerpunkt setze ich in der reinigungsfreundlichen Bauplanung. Mir ist wichtig, dass die Studierenden Reinigungsleistungen von Beginn an bewusst gestalten können.

Sie haben 2024 ihren Master of Science in Organisationsentwicklung abgeschlossen. Wie ergänzt diese Weiterbildung ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte?

Meine fachliche Expertise im Reinigungs -und Textilservicemanagement bildet die Basis meiner Arbeit. Gleichzeitig habe ich in Lehre und Beratung immer wieder erlebt, dass Fachwissen allein nicht ausreicht. Wissen zu vermitteln, führt nicht automatisch zu Veränderung. Es braucht ein Verständnis dafür, wie Organisationen funktionieren, wie Menschen in komplexen Systemen und bei Unsicherheit handeln und unter welchen Bedingungen gute Leistung und echte Entwicklung möglich wird.

Deshalb wollte ich tiefer verstehen, wie ich Studierende wirksam begleiten kann und wie Erkenntnisse aus der Fachberatung nachhaltig umgesetzt werden können. Das Studium der Organisationsentwicklung hat mein schon lange bestehendes Interesse an tragfähigen Lösungen um wichtige Prozess- und Facilitationkompetenzen erweitert. Ich kann meine eigene Wirkung heute besser einschätzen und gezielter anpassen. Das ist für meine Arbeit sehr wertvoll.

Gerade im Reinigungs- und Textilservice verändern Digitalisierung, Automatisierung, KI sowie neue Anforderungen an Hygiene, Qualität und Nachhaltigkeit die Praxis spürbar. Wer hier zukunftsfähig bleiben will, braucht nicht nur technisches Know-how, sondern auch organisationale Lernfähigkeit. Meine Beratungsmandate haben sich durch das Studium deutlich gewandelt: hin zu mehr Co-Creation, bei der wir Lösungen gemeinsam mit der Organisation entwickeln.

Irina Pericin Häfliger
Irina Pericin Häfliger

Irina Pericin Häfliger

Ausbildung: Hauswirtschaftliche Betriebsleiterin; Master of Science in Organisationsentwicklung

Derzeit: Dozentin und Beraterin für Reinigungs- und Textilmanagement sowie integrierte Organisationsentwicklerin am Institut für Facility Management, ZHAW; wissenschaftliche Leiterin Reinigungsbenchmark

Expertennetzwerk: hygieneforum.ch/hygiene-experten/

Fachgebiet im Hygieneforum: Reinigungs- und Textilmanagement

Kontakt: irina.pericin@zhaw.ch

Der Reinigungsbenchmark: Vergleichen, lernen, entwickeln

Sie publizieren jährlich im Rahmen der Benchmarking Community den Reinigungsbenchmark. Worum handelt es sich hier und wem hilft dieser Benchmark.

Der Reinigungsbenchmark ist ein Instrument für Führungsverantwortliche im Reinigungs- und Hygienemanagement von Spitälern, Kliniken und Pflegeeinrichtungen in der Schweiz. Er ermöglicht es, Kosten-, Personal- und Strukturkennzahlen systematisch auf strategischer und operativer Ebene inner- und zwischenbetrieblich zu vergleichen und den Wertbeitrag der Reinigung besser erfass- und kommunizierbar zu machen.

Die teilnehmenden Organisationen erfassen ihre Daten einmal jährlich auf einer online Plattform. Durch den Vergleich und die Analyse können das Innovations- und Optimierungspotenzial der eigenen Organisation gezielt und fundiert ausgelotet werden. Der Benchmark unterstützt Organisationen aus dem Gesundheitswesen dabei, Entwicklungsmassnahmen zu prüfen und fundiert abzuleiten. Gleichzeitig stärkt er die interne Argumentation, etwa wenn es um personelle Ressourcen, infrastrukturelle Voraussetzungen oder strategische Entscheide geht.

Ein besonderes Merkmal ist aus meiner Sicht die Community. Der fachliche Austausch unter den Teilnehmenden schafft einen entscheidenden Mehrwert. In einem vertraulichen Rahmen lernt man voneinander, diskutiert Best Practices und erhält Impulse für die eigene Führungs- und Entwicklungsarbeit.

Der Wert des Reinigungsbenchmarks ergibt sich also aus den wissenschaftlich fundierten Analysen, strukturierten Vergleichen von Leistungs- und Strukturdaten und praxisnahmen Erfahrungsaustausch.

Der Reinigungsbenchmark ist neu eigenständig organisiert, getrennt von der Gastronomie, und verfügt über einen eigenen Beirat. Was war der Auslöser und was verbessert sich dadurch?

Die eigeneständige Organisation ist Ausdruck einer fachlichen Weiterentwicklung. Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung und Weiterentwicklung der Benchmarks im Gesundheitswesen zeigt sich, dass Reinigung und Gastronomie unterschiedlichen fachlichen Logiken, Kennzahlen und Entwicklungsfragen folgen. Auch wenn beide Bereiche organisatorisch häufig nahe beieinander liegen, werden sie in der Praxis immer öfter von je eigenen Fachexpert:innen verantwortet. Deshalb ist es sinnvoll, die einzelnen Benchmarks klarer zu profilieren.

Mit der eigenständigen Aufstellung des Reinigungsbenchmarks können wir die fachlichen Themen gezielter weiterentwickeln. Besonders wichtig ist dabei der neue Beirat. Er bündelt breite Fachkompetenz aus der Schweizer Spital-, Klinik- und Heimlandschaft und stärkt damit die Qualität, Relevanz und Praxisnähe des Benchmarks.

Dadurch wird es möglich, die Fragestellungen noch konsequenter an den aktuellen Herausforderungen der Reinigung im Gesundheitswesen auszurichten.

Den Benchmark gibt es seit 2015. Lassen sich über die Jahre Trends feststellen? Wenn ja, welche?

Grundsätzlich zeigt sich, dass das Bedürfnis nach Vergleich, Einordnung und gegenseitigem Lernen über die Jahre konstant hoch geblieben ist. Benchmarking und Benchlearning sind für viele Organisationen ein wichtiger Bestandteil, um die eigenen Leistungen besser einzuschätzen und gezielt weiterzuentwickeln.

Verändert haben sich zum Teil die Themen. Der Benchmark entwickelt sich laufend weiter und greift aktuelle Fragestellungen aus der Community auf, beispielsweise Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder die Aufbereitung von Reinigungstextilien. Im letzten Jahr haben wir zudem Kennzahlen erhoben, die nicht direkt durch die Reinigungsverantwortlichen steuerbar sind, aber dennoch den Reinigungsaufwand mit beeinflussen. Ein Beispiel dafür sind die Verlegungen pro stationärem Fall, die in manchen Häusern einen erheblichen Einfluss auf den operativen Aufwand haben. Dieses Jahr werden wir zudem erstmals Einstiegslöhne von Reinigungskräften erfassen und vergleichen.

Wer kann beim Benchmark mitmachen und wie sieht der Anmeldeprozess aus?

Der Benchmark ist als Community organisiert. Teilnehmen können alle Verantwortlichen für die Reinigung eines Spitals, einer Rehaklinik, Psychiatrie, Alters- oder Pflegeeinrichtung. Die Anmeldung erfolgt einfach über ein Formular, das auf der Webseite erhältlich ist.

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